Oliver Lindner

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„Denken ohne Geländer“ anstatt Angst und Pessimismus!

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In der ZDF-Mediathek sind derzeit zwei interessante Reportagen anzuschauen. Die eine Reportage von Claus Kleber beschäftigt sich mit dem Silicon Valley und die bevorstehenden technischen Innovationen, die zu erheblichen gesellschaftlichen Veränderungen führen werden. Vielleicht ist es schwierig dazu eine ausgeglichene Haltung zu haben, aber die Reportage durchzieht ein typisch deutscher Kulturpessimismus, wo Probleme und wenig Chancen im Mittelpunkt stehen. Die zweite Reportage beschäftigt sich mit Donald Trump und seinem Wahlkampf.  Kernaussage: Der „weiße Mann“ erkennt, dass er bald zur Minderheit im eigenen Land gehört und sucht nun eine laute Stimme, um seine Ängste vor diesem gesellschaftlichen Wandel zu kompensieren. Beide – völlig gegensätzliche Entwicklungen – finden sich derzeit in einem einzigen Land. Beide Entwicklungen sind jedoch globale Phänomene, die in den Ländern sehr unterschiedlich bearbeitet werden.

In der Tat werden die beiden Themen Migration und Digitalisierung die Mega-Themen des 21. Jahrhunderts sein. Beide Themen werden Gesellschaften und Staaten radikal verändern. Und wahrscheinlich wird dieser Prozess relativ schnell passieren – ja, wir sind bereits mitten drin. Dass dies bei einigen Menschen auch Sorgen und Ängste auslöst, ist ganz verständlich. Gesellschaften müssen mit den technologischen Entwicklungen mithalten können. Sie müssen über die Wirkungen, Herausforderungen, Chancen und auch möglichen Nachteilen diskutieren. Natürlich hat jede Entwicklung auch Nachteile, aber wird es uns am Ende besser gehen als heute? Gebraucht wird eine visionäre Sicht auf die Dinge, die eine mögliche Zukunft mit dem Ist-Zustand heute vergleicht. Denn „früher“ und heute ist eben nicht alles besser. Wer das behauptet, ist Opfer eines Zukunftspessimismuses. Damit lässt sich keine gute Zukunft gestalten, wahrscheinlich noch nicht mal ertragen.

Die gegenwärtige Zuwanderung von Flüchtlingen nach Europa ist ein Beispiel. Es ist Fakt, dass weltweit 65 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Bürgerkrieg und Umweltzerstörung sind. Es ist auch Fakt, dass ein sehr kleiner Teil dieser Fluchtbewegung auch nach Europa zieht. Weltweite Migrationsbewegungen sind so alt wie die Welt und auch die Europäer sind in schlechten Tagen gern man auf andere Kontinente gezogen. Die gegenwärtige europäische Debatte ist jedoch beherrscht von gefühlter Angst und von kurzfristigen Problemlösungen. Es fehlt eine grundsätzliche Debatte in der Gesellschaft über den Unterschied von Assimilation und Integration, über Chancen, über konkrete und baldige Herausforderungen und über Regeln, die auch künftige Migrationsbewegungen gesellschaftlich beherrschbar machen.

Die Digitalisierung ist ein weiteres Beispiel. Wir sind mittendrin. Wir können es uns nicht mehr aussuchen. Natürlich kann man auf ein Smartphone verzichten und sein Nokia-Barren aktivieren. Dieser Prozess, der ungeheures Kapital akkumuliert und Know-How zusammenführt und immer neue Lösungen und Produkte auf den Markt bringt, ist unaufhaltsam. Ähnlich wie vor 100 Jahren kann ein solcher gesellschaftlicher Modernisierungsprozess mit Autokratie, Diktatur und Krieg verlangsamt werden – jedoch wird die Geschichte der Menschheit immer fortgesetzt werden. Schon damalige Untergangsszenarien haben sich langfristig nicht bewahrheitet, aber kurzfristig der Welt viel Leid und Elend zugefügt.

Wo sind die zupackenden Zukunftsoptimisten, die den technologischen Visionen aus Silicon Valley auch gesellschaftliche Visionen entgegen setzen können? Wo sind die progressiven Parteien, die diesen Prozess für die Zukunft gestalten werden? Benchmark des Erfolges sind nicht die Pessimisten und Miesepeter der AfD, der Trumps und FPÖs! Aus dieser Geisteshaltung ist auch in der Vergangenheit nichts Gutes hervorgekommen. Sie haben Entwicklungen gebremst bis es krachte, aber noch nie ein einziges (noch nicht einmal) gegenwärtiges Problem gelöst.

Zukunftsgestalter müssen sich heute gedanklich von den gegenwärtigen Arbeits- und Denkstrukturen lösen können. Sie werden in Zukunft zwangsläufig von gestern sein. Optimisten wollen selber gestalten und sich nicht von Entwicklungen überrollen lassen. Deshalb brauchen wir neue – zunächst – Denkstrukturen, frei nach Hannah Arendt ein „Denken ohne Geländer“. Die Zukunft ist offen für jedermann, der sich aufmacht. Denn die heutige Welt ist nicht perfekt. Bei weitem nehmen heute nicht alle Menschen gleich teil, an Demokratie und wirtschaftlichen Chancen. Seit Jahren beklagen wir die Ungerechtigkeit im Bildungssystem, die Eliten unter sich lässt und sozial Benachteiligte aussortiert. Seit Jahren beklagen wir die zunehmende weltweite Konzentration von Reichtum und die Verfestigung von Armut. Und seit Jahren beklagen wir, dass unsere demokratische Gesellschaft nicht mehr alle mitnimmt – und meine Kritik: Wichtige Debatten nicht führt. Und wir beklagen seit Jahren, wie der Mensch zunehmend seine Lebensgrundlage zerstört. Baustellen gibt es also im heute genug. Pessimisten und Populisten werden es immer wieder beklagen, jedoch nie etwas verändern. Das würde schließlich ihre Geschäftsgrundlage zerstören. Also dann, liebe Progressive, Liberale, Sozialdemokraten und optimistischen Weltverbesserer – organisiert euch und fangt mal an!

Konkret muss es dort anfangen, wo sich ein paar Gleichgesinnte treffen und das selbe Ziel verfolgen. Denkt dabei nicht an die derzeitigen Strukturen, an Hierarchien, an Delegierte, an Vorsitzende und den 3. Beisitzer. Denkt an Ziele und dann welche Struktur man braucht, um diese zu erreichen. Genau dieser Gedankenansatz wird die Digitalisierung vom Menschen verlangen. Gefragt sind Lösungen und Wege, um zu einem Ziel zu kommen. Wer „tote Strukturen“ beatmet , wird zum Pessimisten.

„Was den Menschen zu einem politischen Wesen macht, ist seine Fähigkeit zu handeln; sie befähigt ihn, sich mit seinesgleichen zusammenzutun, gemeinsame Sache mit ihnen zu machen, sich Ziele zu setzen und Unternehmungen zuzuwenden, die ihm nie in den Sinn hätten kommen können, wäre ihm nicht diese Gabe zuteil geworden: etwas Neues zu beginnen.“ (Hannah Arendt)

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