Oliver Lindner

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Es ist beruhigend: Scheitern ist normal

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system-571182_1920Wir leben in komplizierten Zeiten. Aber keine Angst. Das war schon immer so. Und es gab auch schon immer bei den Menschen die Sehnsucht, bei komplizierten Dingen auf die Populisten zu hören, die die Dinge trivalisieren – stark vereinfachen. Das wird die Welt jedoch nicht besser machen.

Die Komplexität erklärt sich zunächst durch die Kommunikation (im Sinne von Luhmann) von immer mehr Menschen. Digitalisierung und globalisierte Arbeitsteilung sorgen für einen ständigen Austausch von Interessen, Waren und Meinungen. Politik hat die Aufgabe, zu ordnen, gemeinsame Regeln aufzustellen, womit wir alle Leben können. Damit beginnt schon das erste Problem. Wollen wir unser Zusammenleben ordnen und uns Regeln geben, kommen wir um eine Vereinfachung nicht herum. Es kann nicht für jede erdenkliche Aktion eine eigene Regel fixiert werden. Es müssen Standards gefunden werden, Normen definiert werden, um zu Regeln zu gelangen. Das stößt verständlicherweise im Alltag auf Widersprüche.

Der Kapitalismus ist ein Kompromiss, selbst eine Konstruktion voller Widersprüche. Die Stärke des Kapitalismus soll seine Freiheit sein, die es jedem einzelnen erlaubt, seinen Interessen nachzugehen, um damit in der Gesamtheit ein Optimum für die Gesellschaft zu erreichen. „Wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht.“ Tatsächlich funktioniert auch der Kapitalismus nur durch unzählige kleine Planwirtschaften. Jede Entscheidung, die ein Konsument, ein Manager, ein Arbeitnehmer etc. trifft, setzt einen eigenen Plan, eine eigene Vorstellung vom eigenen Handeln voraus. Das ist nur möglich, wenn vereinfacht wird, wenn Planungen erstellt werden, Ziele gesetzt.

Eine zentralistische Planwirtschaft wird wohl auch in Zukunft nicht funktionieren, weil die Vereinfachung so stark ist, dass Plan und Wirklichkeit zu weit auseinander liegen. Nun könnte man die Idee haben, dass durch die Digitalisierung auch eine zentralistische Planwirtschaft theoretisch besser funktionieren könnte. Aber auch jedes digitale System ist niemals ein Abbild der Wirklichkeit, sondern ein vom Mensch programmiertes und stark vereinfachtes System aus Nullen und Einsen. Das Optimum wird also auch nicht durch die Digitalisierung erreicht werden, im Großen wie im Kleinen nicht.

Ganz abgesehen davon, ist jedes vereinfachtes und planerisches Gesellschaftssystem nur möglich, wenn die individuelle Freiheit begrenzt wird und jedes Handeln sich nur in einer Norm bewegen darf. Persönliche Freiheiten müssen soweit wie möglich zurückgedrängt werden, um das System funktionieren zu lassen. Auch deshalb ist die populäre Vereinfachung der Dinge so gefährlich. Es ist nur ein Versprechen für die Bequemen, für diejenigen, die eigenes Denken und eigene Verantwortung wegdelegieren wollen. Damit stehen die Populisten im Widerspruch zu Sozialdemokraten und Liberalen.

Ist das kapitalistische System damit alternativlos? Gerade weil der Kapitalismus in sich viele Widersprüche hat, sind auch unendlich viele Alternativen im Kapitalismus denkbar. Die notwendige Begrenzung des Kapitalismus funktioniert nur mit demokratischen Mitteln. Es muss gesellschaftlich fair und gleich ausgehandelt werden, welche Regeln für alle gelten sollen. Das Recht des Stärken ist in jeder Hinsicht für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung schlecht. Allein deshalb ergibt sich Regelungsbedarf.

Die wichtigste Währung ist Vertrauen. Vertrauen, dass nicht das Recht des Stärken gilt, sondern dass die Chancen für alle gleich sind. Ein Vertrauensinstrument ist die Währung. Die Verkürzung des Währung auf einen Preis, führt nur zu kurzfristigem Profit. Vielmehr ist es ein stark individueller Wert für eine Ware oder eine Dienstleistung. Ob mir die Sache etwas „Wert“ ist, hängt von meiner eigenen Wertvorstellung und von Umwelteinflüssen ab. Aber zunächst braucht es Vertrauen in die begehrte Sache und in das Tauschobjekt Geld. Gerade vor dem Hintergrund der internationalen Finanzkrise sollte „Vertrauen“ als elementarer Bestandteil wieder in den Fokus rücken.

Gesellschaft und Politik können sich von bestimmten Entwicklungen nicht frei machen. Es gab immer Tendenzen der Ökonomisierung großer gesellschaftlicher Bereiche – und es gab Gegentendenzen. Die Erfahrungen der 2000er Jahre, müssen die zunehmende Ökonomisierung wieder zurück drängen lassen. In den letzten drei Jahrzehnten haben wir eine Tendenz gehabt, dass öffentliche Daseinsvorsorge, wie Bildung, Infrastruktur und sogar das Politikmanagement mit betriebswirtschaftlichen Instrumenten geführt oder gleich privatisiert worden sind. Geht man davon aus, dass auch die Betriebswirtschaft eine Planwirtschaft auf Betriebsgröße ist und damit auch eine starke Vereinfachung voraussetzt, ist das scheitern schon programmiert.

Die große Systemfrage ist geklärt. Alle Systeme sind hochkomplex. Aufgabe von Gesellschaft und Politik ist es, ständig nachzujustieren und dabei grundlegende Werte des menschlichen Miteinanders im Auge zu behalten. Aufgrund der Komplexität ist das (mindestens partielle) Scheitern vorausgesetzt. Aufgabe des politischen Aushandelns muss es sein, immer wieder in die Nähe des Optimums zu kommen. Und dabei nicht vergessen: Es gibt keine Wahrheiten, es gibt keine einfachen Antworten. Seit wir die steinzeitlichen Höhlen verlassen haben, leben wir in komplexen Systemen. Das zu wissen ist gut, beruhigt und soll möglichst viele ermutigen am alltäglichen Try-and-Error mitzutun.

Und wie würde denn die Welt aussehen, wenn es nicht so wäre? Es wäre das Ende aller Träume, jeden Glaubens und jeder Anstrengung.

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