Oliver Lindner

Herzlich Willkommen

Stimmungen erzeugen Mehrheiten

| 1 Kommentar

Kein Demoskop sah das Wahlergebnis vom Sonntag in Sachsen-Anhalt voraus. Während die Parteien mit Wahlkampfzeitungen, Türanhängern und Info-Ständen versuchten, die Wählerinnen und Wähler zu überzeugen, sah man die AfD nur an den Laternenmasten. Trotzdem hat es die AfD geschafft, über 100.000 Nicht-Wähler für sich zu gewinnen. Für die etablierten Parteien eine bislang fast unmögliche Aufgabe. Was ist da passiert?

Ohne jetzt auf fundierte und fachliche Aufsätze zurück zu greifen, glaube ich, dass viele unpolitische Menschen der AfD ihre Stimme gegeben haben. Sie haben sich nicht umfänglich informiert, Programme verglichen oder nur den Wahl-o-mat besucht. Ihr gesellschaftliches Umfeld hat ihnen vermittelt, dass es nun an der Zeit ist, „denen da oben“ einen Denkzettel zu verpassen. „Ich bin noch nie zur Wahl gegangen. Aber heute wähle ich die AfD“, war beispielsweise in einer Straßenumfrage der Mitteldeutschen Zeitung in Merseburg zu lesen. Parteien, Journalisten und Demoskopen waren blind, konnten nur Tendenzen erahnen. Und auch im Wahlkampf war das Ausmaß in keinster weise erkennbar. Warum?

Weil insbesondere Stimmungen diese Wahl entschieden haben. Die Afd-Wähler haben sich nicht für die Kandidaten in den Wahlkreisen oder für die ausgefeiltesten Wahlprogramme der Parteien interessiert. Es gibt eine weit verbreitete Stimmung im Land, die für die AfD günstig war. Sie musste diese Stimmung nur noch weiter befeuern und die Parteien haben sich manchmal daran auch noch unabsichtlich beteiligt. Wenn Haseloff und Seehofer vom Kontrollverlust des Staates sprechen, ist das Wasser auf den AfD-Mühlen. Stimmungen entstehen dabei im direkten persönlichen Umfeld. In dem aktuellen Buch von Heinz Bude „Das Gefühl der Welt“ schreibt er: „Es gibt nämlich immer die Mitläufer in letzter Sekunde, die lieber für den vermeintlichen Sieger stimmen als an den vermutlichen Verlierer ihr Stimme verschenken. Man will nicht zu den Dummen gehören, an denen vorbeigegangen ist, wer der Kandidat der Mehrheit ist. Ich wähle also nicht unbedingt den Kandidaten der Partei, die ich bevorzuge, weil sie meinen Auffassungen und Überzeugungen guter Politik entspricht, sondern gar nicht so selten die Kandidatin einer anderen Partei, weil ich glaube, dass diese die Anführerin der Mehrheit ist und ich in meinen sozialen Kreisen nicht zu den beargwöhnten oder bemitleideten Minderheit gehören will. Man heult halt lieber mit den Wölfen als die eigene Stimme zu erheben.“

Jetzt kommt der entscheidende Punkt: Die SPD hat es m.E. im Wahlkampf komplett verpasst, Einfluss auf diese Stimmungen auszuüben. Zu sehr denken wir noch in klassischen Instrumenten. Pressemitteilung, Firmenbesuche, Wahlkampfzeitung, Großflächenplakate etc.. All diese Instrumente haben keinerlei positive Auswirkungen auf die vorhandene Grundstimmung genommen. Vielmehr wurde sie ignoriert. Die völlige Ignoranz von Politik funktioniert ja nicht nur bei vielen Bürgerinnen und Bürgern. Auch die Politik hat die Tuchfühlung in weiten Teilen verloren. Das liegt an den nicht mehr vorhandenen medialen Verbindern. Die Tageszeitung wird nur noch von maximal 20 Prozent gelesen. Die veröffentlichte Meinung in den Pressemappen spiegelt mitnichten das Bild der öffentlichen Meinung im Land wieder. Stattdessen – und das darf keinesfalls unterschätzt werden – werden Informationen und Stimmungen in den Sozialen Netzwerken aufgenommen und verstärkt. Das geschieht zusehends über öffentliche Gruppen bei Facebook. In diesen Gruppen tummelt sich nur aus guten Gründen kein Sozialdemokrat. Andererseits gibt es derzeit auch kein adäquates Angebot für sozialdemokratisches Publikum. Die Fan-Seiten posten ihre Pressemitteilungen – Punkt. Ohne Debatte, ohne Emotionen.

Diese Landtagswahl hat deutlich gemacht, welche Kräfte wahlentscheidend sind. Wer meint, mit Instrumenten aus den 80er Jahren des letzten Jahrhundert die Menschen zu überzeugen – irrt gewaltig. Wir haben die Briefkästen erreicht, aber keinesfalls die Köpfe und Herzen der Wähler. Die derzeit funktionierenden Meinungsbildungsprozesse müssen erst einmal verstanden werden. Dann müssen wir dafür sorgen, dass diese Art von Community-Building selbst aufgebaut wird – langfristig und mit Herz und Verstand. Dass dies insbesondere für die jüngere Wählerschaft gilt, zeigt, dass gerade die Erst- und Jungwähler die AfD gewählt haben. Die entscheidende Frage wird sein, ob es gelingt diese Prozesse auch für eine positive Stimmung, für eine progressive Politik im Land zu nutzen.

Ein Kommentar

  1. Das ist eine sehr kluge Einschätzung. Die Wege, wie man tatsächlich Stimmung für vernunftgeleitete und sozialdemokratische Politik machen kann, bleiben aber noch unklar. Nur die Verlagerung unserer Argumentationen in Internet und Facebook machen es noch nicht. Ich meine, dass neben unserer wenig überzeugenden Wahlkampagne und unserer ebenso wenig geeigneten Spitzenkandidatin eine sehr bedauerliche Entwicklung entscheidend ist: Die Erosion des Wertes Solidarität. Wie man das drehen kann, ist mir schleierhaft, aber wir müssen es versuchen. Da sind noch viele Ideen gefragt.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.