Oliver Lindner

Herzlich Willkommen

Zum Buch „Der Circle“: Schöne digitale rationale Zukunft!

Morgen erscheint ein Roman, der schon in den Zeitungen und im Radio diskutiert wurde, obwohl er auf Deutsch noch gar nicht zu kaufen war. Die Kritiker streiten über die Qualität des Buches „Der Circle“, aber die Geschichte, die dort erzählt wird, ist durchaus gesellschaftspolitisch interessant. Im Kern geht es darum, wie ein Konzern „attraktive“ Angebote schafft, die das Leben bequemer machen und dabei die Gesellschaft massiv verändern. Die Gesellschaft wird nicht mehr vor allem durch demokratisch abgestimmte politische Veränderungen geformt, sondern durch das digitale Konsumverhalten der Menschen. Der Bürger, der Wähler wird zum User. Der Staat wird auf einen absolut notwendigen Rahmen reduziert. Politische Entscheidungen werden durch den „Schwarm“ bestimmt, der durch und durch gläserne Abgeordnete hat sich der digitalen Masse unterzuordnen.

Gleichzeitig wird das Private immer mehr öffentlich und transparent und dadurch sicherer. Politik ist keine „Glaubensentscheidung“ mehr, sondern eine scheinbar rationelle Entscheidung von Nullen und Einsen. Die Politik hat nur noch das auszuführen, was vorher im Schwarm entschieden wurde und als günstigste Option „errechnet“ wurde. Eine scheinbar rationelle und damit sichere Welt. Es genügen „Experten-Regierungen anstatt Politiker“ (Hatten wir in Europa auch schon).

Es erinnert sehr stark an Georg Orwell und dennoch sind wir an dieser Zukunftsfiktion näher dran als die meisten denken. Wir nutzen seit Jahren immer mehr digitale Dienste, die unser alltägliches und berufliches Leben optimieren. Viele dieser Dienste werden uns kostenlos zur Verfügung gestellt, wir bezahlen später mit unseren angesparten Daten – ohne den genauen Preis dafür zu kennen. Von der Politik wird nicht allzu erwartet, eine ordentliche Verwaltung des Gemeinwesens genügt den meisten Menschen, ohne einen Grund darin zu sehen, sich mehr als mit seinen Steuern an diesem zu beteiligen.

Solche Bücher wie „Der Circle“ sind ein willkommener Anlass, über die gesellschaftlichen und politischen Folgen zu debattieren. Diese Debatte hat es bislang in der Breite nicht gegeben. Was sind die Folgen dieser digitalen Revolution, die sämtliche sozialen, gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse verändern wird? Nur ein Beispiel: Seit 2005 werden Verkehrsdaten von Autobahnen von Toll Collect gesammelt. Damals hieß es, dass diese Daten nicht für andere Zwecke verwendet werden sollen. Nun wird wiederholt gefordert, diese Daten auch der Strafverfolgung zur Verfügung zu stellen. Es ist genau dieses Versprechen, dass mehr Zugriff auf mehr Daten auch mehr Sicherheit schafft. Wieviel Freiheit wollen wir für vermeintlich mehr Sicherheit opfern?

Die Frage ist doch, ob eine total überwachte und transparente Gesellschaft eine bessere ist. Wer hat die Macht, Daten zusammenzuführen, auszuwerten und für staatliche oder rein kapitalistische Zwecke auszunutzen?

Die Lösung kann nicht sein, diesen digitalen Fortschritt, der zweifellos auch eine ganze Menge Vorteile bringt, aufzuhalten. Transparenz und Beteiligung an demokratischen Entscheidungen sind gut, soweit sie mit unserer repräsentativen Demokratie im Einklang stehen. Die Gewaltenteilung muss gewahrt bleiben und schließlich: Die Macht über die eigenen Daten muss bei einem selbst bleiben. So lange jeder Bürger weiß, welche Daten wo von ihm genutzt werden, ist dagegen nichts zusagen. Die Kontrolle über sein persönliches „Big Data“ muss der Bürger selbst behalten! Bei vielen Daten ist das heute schon nicht mehr der Fall (Schufa, Gesundheitsdaten, Firmendatenbanken…). Was einmal im Netz ist, wird niemals verschwinden, auch wenn Google ein Löschauftrag erteilt wird. So lange der Bürger nicht erkennen kann, welche Daten über ihn wo gespeichert sind, ist Skepsis angebracht.

Vielleicht muss die Freiheit erst später mühsam zurück erobert werden. Das Bewußtsein hierfür zu schärfen, dafür sind auch solche Romane hilfreich.

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